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Digitalisierung in Deutschland: eine Bestandsaufnahme aus privater Sicht

Kann Deutschland im weltweiten Vergleich mithalten? Und was bedeutet die vermeintlich zunehmende Digitalisierung eigentlich für den Privatmenschen?

 

Ständig und in jeglicher Form wird man mit dem Buzzword Digitalisierung konfrontiert. Zu viel, zu wenig, zu langsam oder zu schnell? Doch was bedeutet der Begriff Digitalisierung eigentlich, und wie macht sich die zunehmende Digitalisierung in unserem alltäglichen Leben bemerkbar?

 

Im Gabler Wirtschaftslexikon1definiert der Experte Prof. Dr. Oliver Bendel von der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW und der Hochschule für Wirtschaft (Institut für Wirtschaftsinformatik) den Begriff wie folgt:

“Der Begriff der Digitalisierung hat mehrere Bedeutungen. Er kann die digitale Umwandlung und Darstellung bzw. Durchführung von Information und Kommunikation oder die digitale Modifikation von Instrumenten, Geräten und Fahrzeugen ebenso meinen wie die digitale Revolution, die auch als dritte Revolution bekannt ist, bzw. die digitale Wende. Im letzteren Kontext werden nicht zuletzt “Informationszeitalter” und “Computerisierung” genannt.”

 

Im ursprünglichen Sinn bezeichnet der Begriff Digitalisierung lediglich die Umwandlung von analogen Abläufen in digitale Formate. Wenn in der Politik die Rede von Digitalisierung ist, dann beziehen sich unsere “Volksvertreter” meistens jedoch nur auf eine Sache, nämlich Internetanschlüsse. Aber auch wenn eine gute Breitbandabdeckung die Grundvoraussetzung für den digitalen Wandel bildet, so ist sie nicht gleichzusetzen mit dem Terminus Digitalisierung. Wie steht es tatsächlich um die Breitbandabdeckung in Deutschland? Kommt die Regierung ihren Versprechen bezüglich der Nachrüstung nach?

Im Vergleich zum Stand von 2017 hat sich hier in Deutschland nicht sehr viel getan. Die aktuellste Erhebung des TÜV Rheinland sieht wie folgt aus:

 

horwood-Kohler-Bandbreitenverfügbarkeit

 

Bildunterschrift: Grafik: Horwood-Köhler GmbH / Quelle: Aktuelle Breitbandverfügbarkeit in Deutschland (Stand Mitte 2018). Erhebung des TÜV Rheinland im Auftrag des BMVI.

 

Es ist schon irgendwie bedenklich, dass nur in 66,3 % der deutschen Haushalte eine Geschwindigkeit von ≥100 Mbit/s erreicht wird. Besonders in ländlichen Regionen sieht es immer noch ziemlich düster aus. Das Problem liegt definitiv beim Glasfaserausbau bzw. dem nicht stattfindenden. Deutschland schneidet im Vergleich mit anderen OECD-Staaten mehr als schlecht ab und liegt laut der Europäischen Komission auf Platz 28 von 32 Nationen. Es gehört somit der Gruppe der am schlechtesten versorgten Länder in Europa an.

Eine Studie von Statista2zeigt, dass der Anteil der Glasfaseranschlüsse in Deutschland gerade einmal bei 2,3% liegt. Das sind über 20% weniger als im OECD-Durchschnitt.

 

Dieser Zustand stellt nur schwer zu überwindende Probleme dar. Nicht nur für den Privatmenschen, sondern vor allem auch für Unternehmen.

Gerade im privaten Umfeld zeigt sich jedoch eine deutlich differenzierte Nutzung von Medien und dies wiederum erzeugt einen neue Nachfrage.

Heutzutage bestimmt die Digitalisierung unsere Lebensqualität enorm und hat – unter anderem – einen Einfluss auf die gesellschaftliche Teilhabe. Gerade in ländlichen Regionen können digitale Technologien die Nutzung von diversen Angeboten im Bildungs- und Gesundheitsbereich, aber auch schlichtweg die Arbeit aus dem Home Office oder neue Formen der Mobilität wie z.B. Carsharing ermöglichen. Gerade in diesen Gebieten jedoch, ist eine Unterversorgung mit flächendeckendem und leistungsstarken Internet an der Tagesordnung.

 

Aber auch eingefleischte Städter bemerken die “Netzlöcher” häufig, wenn sie sich mit mittlerweile alltäglichen Dingen wie Emails, Onlinebanking, E-Commerce und Streaming beschäftigen oder wenn Alexa den Timer nicht einstellen und die Smartwatch die letzten gelaufenen Kilometer nicht erfassen kann.

 

Gerade erst vor kurzem erreichte die Privathaushalte in München ein Schreiben, dass sie ab jetzt die Möglichkeit haben, einen Termin beim Bürgerbüro online zu beantragen, anstatt stundenlang in der Schlange zu stehen. Warum das so lange gedauert hat ist fraglich. Gleiches gilt für die erst kürzlich von den MVG in Betrieb genommene Parkapp “Handyparken”, die es endlich obsolet macht, meist vergeblich in den Hosentaschen nach passendem Kleingeld zu kramen, nur um nach abgelaufener Parkzeit das gleiche Martyrium erneut durchleiden zu müssen. Obwohl diese Neuerung durchaus erfreulich ist, stellt sich trotz allem die Frage, weshalb die MVG immer noch an ihrer veralteten “Selbstentwertung” der Tickets und dem allgemein reichlich komplizierten Ringsystem so eisern festhält. Auf Bequemlichkeiten wie Applepay können die Deutschen –lange hat es gedauert- auch seit Dezember 2018 bei vielen Anbietern zurückgreifen, jedoch nur, wenn sie bei einer der teilnehmenden Banken Kunden sind.

 

Sind wir trotzdem schon viel digitaler als wir annehmen? Eine Studie des Marktforschers civey im Auftrag von Cisco3zeigt, wie weit die Digitalisierung den Alltag der Menschen in Deutschland schon beeinflusst.

 

Die wichtigsten Ergebnisse:

 

  • 71% der Deutschen benutzen im Alltag zwischen einem und drei Geräten
  • 23,5% und somit rund ein Viertel fühlt – altersunabhängig- am stärksten Neugier, wenn es um Digitalisierung geht
  • Fastähnlich viele mit 23% empfinden als ersten Impuls Genervtheit oder Überdruss
  • 3% der Deutschen fühlt sich auf digitale Technologien gut vorbereitet, 30% jedoch eher nicht oder gar nicht
  • 46% finden, dass neue Technologien ihr Leben verbessern
  • 61% empfinden die Digitalisierung im Ausland als stärker
  • 60% glauben, dass alltägliche Dinge einfacher werden
  • Etwa die Hälfte (51%) gibt an, dass Alltagsdinge durch neue Technologien (eher) unsicherer werden

 

 

Eine gewisse Zögerlichkeit und Skepsis der Deutschen gegenüber der Digitalisierung, gepaart mit der Trägheit und Entscheidungsunfähigkeit der zuständigen Regierungsabgeordneten, ist das Rezept für die zähe Masse, welche momentan dafür verantwortlich ist, dass Deutschland zeitnah leider keine schnellen Aufholschritte machen kann, sondern im weltweiten Vergleich ziemlich hinterher hinkt. Die “digitalen Mühlen” mahlen langsam und so bleibt nur zu hoffen, dass Deutschland trotz allem noch die Kurve kriegt.

 

 

 

1https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/digitalisierung-54195

2 https://de.statista.com/infografik/3553/anteil-von-glasfaseranschluessen-in-ausgewaehlten-laendern/

3www.cisco.com/c/de_de/solutions/digital-transformation/digitalisierung-deutschland-2018-report/index.html

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